
(Gedanken, gewidmet den Toten und Leidenden des deutschen Neoliberalismus)
Langsam sinkt ihr Arm zu Boden. Mit letzter Kraft schleppte sie sich zurück zur Couch im Wohnzimmer, nachdem sie den unendlich langen Weg auf sich genommen hatte die Türe zu öffnen. Eigentlich machte es keinen Sinn mehr für sie, nein, keinen Sinn mehr. Ihr Kind lag schon seit Tagen tot in seinem Bett. Und sie selbst hatte der Mut zum Leben verlassen.Wäre es nicht doch besser gewesen, sie hätte nicht geöffnet? Gewartet bis auch sie der Hungertod ereilte? Aber die Schmerzen, die Infektionen, der Durchfall, das langsame Versagen der Organe. Aber ihr Sohn, er ist tot. Sollte sie dann nicht auch sterben? Die Helfer sind mittlerweile in die Wohnung gekommen und sie wird notärztlich versorgt. Ihrem Kind kann er nicht mehr helfen, er hat die Schmerzen des Verhungerns bereits hinter sich. Sie nehmen sie mit, in ein Krankenhaus, weg von ihrem Kind. Sie wollte ihn doch nicht verlassen, nein das wollte sie nicht. Er kommt doch allein nicht zurecht. Er braucht doch ihre Hilfe. Nur ist es so schwer zu helfen, wenn einem selbst diese Schwermut befallen hat, sie lähmt die Gelenke, das Denken und Hoffen. Sie nimmt einem den Mut zur Zukunft, sie lässt einen starr werden, buchstäblich erstarren vor jeder Belastung.
Versucht hat sie doch, was sie noch konnte, nachdem kein Geld mehr kam. Niemanden hat es interessiert, dass je mehr ihr Kleiner die Kraft verlor, auch bei ihr die Kraft weniger wurde. Nein, gewollt war das nicht. Das hat sich einfach so eingestellt, trotz aller Kraftanstrengung etwas zu verändern, wurde die Kraft immer weniger. Er wollte doch dorthin gehen um wieder Geld zu bekommen, doch er schaffte es nicht einmal vor die Tür. Sie schaffte es noch sich aufzuraffen um bei der Tafel um Lebensmittel zu bitten. Doch ohne amtlichen Nachweis geht da nichts, nein wer nicht amtlich registrierter Armer ist, der muss verhungern? Niemand hörte die stillen Schreie der Hungernden nach Hilfe. Die Schreie derer, denen die Kräfte fehlten weil sie depressiv waren, nicht zu faul, nicht zu stolz, nicht zu trotzig, nein zu KRANK. Aber in diesem Land ist Depression keine Krankheit, sie ist der Ausdruck von Arbeitsfaulheit, Dummheit und Bequemlichkeit in den Köpfen der „Volksweisen“. Keiner, der sich nie damit beschäftigen musste, hat auch nur eine Ahnung was es bedeutet schwer depressiv zu sein.
Jeden Morgen zu kämpfen überhaupt aufstehen zu können. Die Lahmheit der Glieder zu überwinden in einem schier aussichtslosen Kampf gegen die eigene Psyche. Und mit jeder neuen Belastung wird die Trägheit größer, der Kampf schwerer und mündet schlimmstenfalls in einen verlorenen Kampf, der gekrönt wird von einer Starre, der Katatonie. Da ist der Tod dann auch nicht mehr weit. Das Amt hat es nicht interessiert wie es ihnen gegangen ist. Denn „man hat ja schließlich keine gesetzliche Fürsorgepflicht im SGB II”. Sie sagen sie hätten nichts von der Krankheit ihres Sohnes gewusst. Nun, Sozialamt und Hartz IV Behörden haben doch die gleichen Datenquellen? Oder nicht? Und nehme ich einem Menschen, der nachweislich keinerlei anderes Einkommen hat, sein Einkommen, was soll er anderes tun als sterben? Niemanden hat es interessiert, keiner hat sie besucht, keinem ist irgendetwas aufgefallen. Nein, wie scheinheilig und bigott ist diese Gesellschaft doch. Schließt weiter Eure Augen, denn wenn ich die Ungerechtigkeit nicht sehe, dann ist sie auch nicht da, stimmt’s?
Die Mutter konnte nicht dabei sein, als ihr Kind beigesetzt wurde. Nur die waren am Grab, die wohl die Schuld am Leiden und Sterben dieser Menschen tragen? War es ihr Gang nach Canossa? Hüllten sie sich in Sack und Asche als sie dort am Sarg standen? Oder waren sie gar nicht da? Wer war denn da? Eigentlich doch niemand der wirklich trauerte. Hartz IV hat wieder einem Menschen, in aller Öffentlichkeit, das Leben genommen. Hartz IV erscheint mir, wie eine Volksseuche der widerwärtigen Art, sie infiziert langsam und nachhaltig breite Bevölkerungsschichten des Prekariats, und tötet in Raten, in Raten zu 30 %, 60 % und 100%. Hartz IV erinnert mich an die Pest. Sie tötete Millionen, nur erschien sie in ihrer übermäßigen Grausamkeit noch gerechter, sie infizierte ohne Ansehen des Standes.
Wenn Ihr, die Ihr immer meint eine solche Situation beurteilen zu können, weil ihr ja den einen oder anderen kennt, der auch Hartz IV bezieht, heute abend durch Eure Stadt, Euren Ort geht, dann seht Euch die erleuchteten Fenster an und die dunklen Fenster. Fragt Euch, welches wohl nicht leuchtet, weil der Strom nicht mehr bezahlt werden konnte, hinter welchem leuchtenden Fenster Menschen sind, die schon länger nichts mehr richtiges zu essen hatten, weil sie den Strom bezahlt haben. Fragt Euch, wer von Euren Nachbarn, die Ihr vielleicht schon lange nicht mehr gesehen habt, gerade verhungert oder stirbt weil er sich seine Medikamente nicht mehr leisten kann. Fragt Euch, wenn Ihr die Kinder in den Straßen seht, welches von ihnen heute noch nichts gegessen hat. Ja, das ist Deutschland heute. Was habe ich in den Foren, die über André aus Speyer berichteten, für Klugscheißer kennen gelernt. Die Klugscheißer, die auf alles eine Antwort wissen. Die depressiven Menschen pauschal Faulheit und Sozialschmarotzertum unterstellen, ohne jemals darüber nachgedacht zu haben, wie sehr sie damit diesen Menschen verletzen.
Ihr, die Ihr diese „Sozialweisheit” mit Löffeln gefressen habt, seid ein jämmerliches Zeugnis für Euch selbst. Trötet nur ins gleiche Horn, das Euch die Verantwortlichen aus Politik und Wirtschaft eingeblasen haben. Ich denke, Ihr seid nicht fähig Euch eine eigene Meinung zu bilden, das scheint zu schwer zu sein. Nun ja, in einem Land von Fertiggerichten, Fast-Food, in dem einem alles vorgekaut serviert wird, ist es kein Wunder dass der Mensch dann auch auf vorgekaute und fertig argumentierte Meinung zurückgreift. Alles andere kostet Zeit, und Zeit ist GELD. Ich weiß aus eigener Erfahrung, was es heißt depressiv zu sein, diese Handlungsblockaden durchzumachen, nicht mehr die Kräfte zum Handeln zu haben trotzdem man es so sehr will. In Euren Augen gehöre ich auch zu den arbeitsfaulen Sozialschmarotzern, die sich nur hinter ihrer „Depression” verstecken? Jawohl, dann bin ich für Euch halt so einer. Denn, eine Meinung gebildet aus Vorurteilen, vorgefertigten Meinungen und keinerlei eigener Recherche oder Auseinandersetzung mit der Problematik, ist definitiv nichts wert.
Die Bundesregierung meint, dass die Kürzungen in dem Fall des André aus Speyer rechtswidrig waren, aber die zuständige Hartz IV Behörde keine Schuld treffe. Ich staune doch, wie kompliziert doch manchmal Politik sein kann. Mein einfaches, laienhaftes Empfinden sagt mir, wenn ich jemandem rechtswidrig die Leistung wegnehme und er keinerlei Möglichkeiten mehr hat diesen Verlust auszugleichen, dann bin ich schuld wenn dieser Mensch stirbt. Aber es scheint so, dass sich mittlerweile in diesem Staat eine Spezies von Mensch entwickelt hat, die dieses einfache Empfinden und die Sicht von Realitäten, nicht mehr nachvollziehen kann.
Es muss sich wohl um den homo politicus öconomii handeln. Dieser scheint zu eigen zu haben, dass jegliches Empfinden von Schuld verloren gegangen ist. ER KANN NICHT SCHULDIG WERDEN, da es in seiner Weltanschauung keine Schuld mehr gibt. Was sich zwangsläufig dann auch in Schreiben von Landes- und Bezirksregierungen zeigen muss, die offensichtlich rechtswidriges Handeln dieser Hartz IV Behörden als „gesetzeskonform” bezeichnen. Nein, Schuld an seinem Tod hat nur der Tote selbst, denn hätte er weitergelebt, wäre er nicht gestorben. Eine ganz einfache Schlussfolgerung, der doch schließlich jeder folgen kann, oder? Nun, nachdem ich so viele Reaktionen zu diesem Geschehen in Speyer gelesen habe, die Stellungnahme der Bundesregierung, die Äußerungen des Bürgermeisters usw., frage ich mich doch noch ein paar Dinge.
Wie widerwärtig muss die Sozialpolitik in Deutschland eigentlich noch werden, bis der homo sapiens reagiert? Wie durchtrieben muss jemand sein, der sich zum Handlanger solcher Gesetze und Dienstanweisungen macht, die dem Menschen die Existenz zerstören können? Glauben in diesem Land wirklich noch viele, dass ein Mensch der am Verhungern ist, der diese Schmerzen und Torturen durchmacht, nicht nach Kräften versucht Hilfe zu erlangen?
Ein Mensch ist dort in Speyer verhungert, andere vorher starben ebenfalls. Die Mutter war dem Tode nahe. Wie kalt ist Deutschland doch geworden? Oder war es hier niemals wirklich warm? Nun, ich denke diese Menschen haben nicht umsonst gelitten. Und wenn sie uns nur durch ihr Leiden und Sterben aufgezeigt haben, wie kalt, gefühllos und geldgierig dieses Land geworden ist.
H. J. Graf
90491 Nürnberg
[EMAIL] hjgraf@infopartner.net
© H. J. Graf, 2007






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